Der HC Ambri-Piotta hat am Samstag in Rapperswil-Jona zwar neuerlich verloren, er ist aber mehr als ein Eishockeyklub: Er ist eine Lebenshaltung, die niemand konkreter verkörpert als die Anhänger von «Gioventù biancoblu», der weissblauen Jugend.
Von Daniel Germann
Wer auf der Geschäftsstelle des HC Ambri-Piotta anruft, der landet früher oder später in der Warteschleife des Telefonnetzes, landet dort beim grossen amerikanischen Sänger Sam Cooke, landet bei dessen Hit «Wonderful World» und bei der ersten Zeile des Songs, die da heisst: «Don't know much about history». Und spätestens dann wird dem Anrufer bewusst: «Hier bin ich falsch.» Denn wenn sie bei Ambri-Piotta nicht viel über Geschichte wissen, wo dann?
Ambri-Piotta ist Geschichte.
Gegründet 1937, seit 1985 ohne Unterbruch in der Nationalliga A ist der Klub einer der traditionsreichsten im Schweizer Eishockey. Sein Ruhm aber gründet nicht auf Erfolgen, sondern auf Mythen, die ihn umranken und die schon zigmal wiedergegeben wurden.
Es ist die Geschichte von Andy Bathgate, dem ersten NHL-Star, der sich in den 1970er Jahren in die Schweiz verirrt hat. Die Geschichte der Kanadier, die unversehens auf Grosseltern im Kanton Uri oder Tessin gestossen sind. Oder auch die Geschichte ein paar schöner Erfolge wie der Continental-Cup-Siege und eines Misserfolgs, wie er nicht grösser hätte sein können: des verlorenen Play-off-Finals 1999 gegen die Erzrivalen aus Lugano.
Doch das alles sind Episoden, wie sie in Variationen auch andere Klubs zu erzählen haben; sie werden dem Mythos Ambri nicht gerecht. Der HC Ambri-Piotta ist mehr als ein Eishockeyklub. Er ist das Symbol einer Talschaft, die sich gegen ihr Schicksal auflehnt und damit über die Schweiz hinaus zu einem Vorbild geworden ist.
Der Geist, der Ambri trägt
Die Leventina leidet wie kaum eine andere Region unter den wirtschaftlichen Umwälzungen. Das Stahlwerk Monteforno in Bodio hatte einst 1750 Personen Arbeit gegeben, vor gut zehn Jahren ist es geschlossen worden. Es war nur der aufsehenerregendste Fall in einer ganzen Reihe. Arbeitsplatz um Arbeitsplatz ist in der Leventina verschwunden. Die Arbeitslosigkeit liegt deutlich über dem nationalen Schnitt. Vor eineinhalb Jahren verhinderte ein Streik die Schliessung des SBB-Werks in Bellinzona.
Der Arbeiterprotest wurde international beachtet. Er wurde zum Symbol dafür, dass Widerstand nicht zwecklos ist. Es ist auch dieser Geist, der Ambri trägt. Und nirgends kommt er deutlicher zum Ausdruck als in der Gioventù biancoblu, der «weissblauen Jugend», die unter den Anhängern den Takt angibt. «Wir verstehen uns nicht als Fanklub, wir sind das Herz Ambris», sagt Roberto, der so etwas wie die Stimme der Vereinigung ist. Er selber würde sich kaum so bezeichnen, und er will auch seinen Familiennamen nicht in der Zeitung lesen. Denn die Gioventù biancoblu kennt weder Hierarchien noch Anführer. Sie versteht sich als eine Art soziale Einrichtung, in der Idealisten und Ausgegrenzte zueinanderfinden und gemeinsam hinter einem Klub stehen, der ihre Botschaft trägt. Gioventù Biancoblu engagierte sich gegen den Bosnien-Krieg. Sie protestierte gegen den Einmarsch der Amerikaner in den Irak. Sie sammelte Geld für eine italienische Organisation, die Spitäler in Krisengebieten baut. «Die Leute behaupten immer wieder, Politik habe nichts mit der Fanbewegung zu tun; das ist falsch», sagt Roberto.
Gioventù biancoblu hat sich nie gescheut, auch die eigene Klubführung zu kritisieren, wenn sie das für angebracht hielt. Der frühere Präsident Emilio Juri hatte sie deshalb einmal vorübergehend aus dem Stadion verbannt. Die Massnahme aber ging nach hinten los: Die anderen Fans solidarisierten sich mit der Vereinigung. Filippo Lombardi, CVP-Politiker aus dem nahen Airolo und seit diesem Sommer Präsident des HC Ambri-Piotta, hat erkannt, dass die Organisation Teil der Klubgeschichte ist. Er gewährt ihr das Recht, das Klublogo für eigene Zwecke zu benutzen. Im Gegenzug erwartet er aber auch Verständnis für die schwierige Lage des Klubs, der am Tabellenende der Nationalliga A sportlich und wirtschaftlich zu kämpfen hat.
Lombardi erkennt die Gemeinsamkeiten zwischen Ambri und seinem populärsten Anhängerstamm: «Der Geist von Ambri ist der Geist des Widerstandes», sagt er. Letzte Woche hat Ambri im 93-seitigen «Libro biancoblu», dem «Blauweissen Buch», die gegenwärtige Situation analysiert und Position bezogen. Die erste konkrete Konsequenz daraus war das Bekenntnis zur Valascia, der Eishalle, die 1959 gebaut wurde, an ihren Enden immer noch offen und im Winter deshalb oft unerträglich kalt ist. Die Halle soll bis 2014 schrittweise für rund 15 Millionen Franken saniert werden. Sie ist zu einem Wallfahrtsort für Eishockey-Nostalgiker geworden. Erst kürzlich sei eine Gruppe aus Augsburg zu einem Spiel gekommen, um die besondere Atmosphäre einmal zu erleben, erzählt Lombardi.
Leben dank der Rivalität
Selbst die renovierte Valascia wird modernen Ansprüchen nicht genügen und den Klub weiterhin in seiner Entwicklung einschränken. Ein Neubau war aber ebenso undenkbar wie der Umzug nach Biasca oder Bellinzona, der ebenfalls diskutiert worden war. Er wäre ein Bruch mit der Geschichte, ohne die der Klub nicht weiterexistieren könnte. Auf Hilfe aus der Region kann Ambri nicht hoffen. Das Budget der Gemeinde Quinto, zu der Ambri gehört, ist viermal kleiner als jenes des Klubs. Alcide Bernasconi, ein Journalist, der 40 Jahre lang über den Klub geschrieben hat und heute im Tessin fast ebenso legendär ist wie der Klub selber, sagt: «Heute erhält vor allem noch die Rivalität mit Lugano und dessen System Ambri am Leben. Gäbe es Lugano nicht mehr, wäre auch Ambri überflüssig.»
Doch der Klassenkampf ist nicht vorüber; im Jahr der Wirtschaftskrise ist er lebendig wie schon lange nicht mehr. Roberto, der Mann ohne Hierarchie, sagt: «Wir glauben daran, dass wir die Gesellschaft ändern können.» Und in diesem Glauben lebt auch Ambri weiter.
Quelle: NZZ online ( http://www.nzz.ch/nachrichten/sport/akt ... 17400.html )